Das Pferd mit dem Buckel... oder ein paar Gedanken zur Passform


Zu meiner Arbeit gehört der Besuch bei vielen verschiedenen Pferdebesitzern in vielen verschiedenen Ställen. Hier fallen mir immer wieder Dinge auf, die sich als normal oder richtig eingeschlichen haben, weil viele es so ja auch so machen. Zwei dieser Punkte möchte ich hier ansprechen, beleuchten und meine EInschätzung dazu darlegen.

 

Das erste ist das Pferd aus der Überschrift. Das Pferd mit dem Buckel. Man findet es immer wieder und es scheint sich dabei um eine anatomische Besonderheit zu handeln, die sich unter seinem Reiter völlig anders verhält, wie alle anderen Pferde. Es ist nämlich in der Lage, den Rücken aufzuwölben.

 

Jetzt werden Sie denken "...wieso, das Pferd wölbt doch den Rücken auf wenn es geritten wird!?" Nein, genau das tut es eben nicht. Für mich ist mit diesem Begriff des AUFWÖLBENS eine ganz bestimmte Form verknüpft. Nämlich diese hier:

                        Hier sieht man einen tatsächlich aufgewölbten Rücken. Und Sie müssen zugeben,

dass Sie noch nie ein Pferd so haben laufen sehen.

(Bildquelle: www.wiktionary.de)

 

Dies ist ein tatsächlich aufgewölbter Rücken, aber ich habe bisher noch nie ein Pferd so laufen sehen.

 

Natürlich ist es korrekt, dass sich die Form des Oberlinie in der Bewegung und unter dem Reiter ändert. Allerdings eher in der Form, dass das Pferd den Rücken ANHEBT. Oder besser gesagt: In dem Moment, in dem das Hinterbein unter den Schwerpunkt tritt, spannt es die Bauchmuskulatur an und die Rückenlinie richtet sich etwas gerader aus. Und zwar über die gesamte Länge, vom Widerrist bis zum Lendenwirbelbereich. Was man hier sehr schön sehen kann:

Dieses Pferd tritt an der Longe sehr gut unter den Schwerpunkt und wie man sieht...

kein Buckel, sondern ein angehobener Rücken.

(Bildquelle: www.hillbury.de)

Auch in dem folgenden Beispiel ist der Unterschied sehr schön zu erkennen.

Hier wurde das Pferd rechts manipulliert, dass heißt über Druck im Bereich des Brustbeins wurde ein

Anheben des Rückens erreicht. Diese Art des Rückenanhebens ist übrigens näher am Zustand während

des Reitens, wie das ob fabrizierte "Rücken hochkitzeln".

(Bildquelle: Equiscan)

 

Dies kann man übrigens bei der Arbeit mit dem Equiscan System sehr schön zeigen, in dem man den Rücken auf die zuvor beschriebene Weise manipulliert, während der Topograph auf dem Pferd liegt.

 

Was man dann sieht ist, dass dieser nach oben gehoben wird und somit mehr Schulter- und Lendenwirbelfreiheit entsteht. Der Bereich der eigentlichen Sattellage, ändert sich aber um "null komma nix"! Weder in der Form, noch in der Breite. (Achtung, wir reden hier natürlich von einem gesunden Rücken, der nicht bereits durch eine atrophierte Muskulatur in Mitleiden-schaft gezogen wurde.)

 

Aber was hat das Ganze denn nun mit der Sattelpassform zu tun?

 

Oft hört man als Pferdebesitzer bei Sattelanproben Sätze wie: "...guck mal, wie schön rund Dein Pferd dadrunter läuft..." oder "...da kann es dann richtig schön rund machen..." oder "...da ist noch schön Luft, dann kann es dann den Rücken hineinwölben." Und genau da ist der Haken!

 

Damit das Pferd "den Rücken da hineinwölben" kann, wird ein Sattel(baum) ausgewählt, der nicht der Rückenlinie folgt, sondern weniger Biegung hat. Das bedeutet, er bildet eine Brücke oder liegt hohl.

Es ist immer schwierig in einem Foto festzuhalten, aber dieser Sattel liegt hohl.

 

Gerne wird auch suggeriert, das ein am stehenden Pferd angepasster Sattel ja in der Be-wegung nicht passen kann. (Gerade bei der Arbeit mit Equiscan hört man diesen Spruch ja immer wieder.) Dazu kann ich eigentlich nur sagen, JEDE Sattelanprobe wird am stehenden Pferd gemacht! Jedes Messgitter, jeder Sattelchecker jeder optische Scan wird am stehenden Pferd gemacht.

 

Natürlich gibt es mittlerweile Systeme, die eine Kontrolle des ausgewählten Sattels auch in der Bewegung zulassen, aber die grundsätzliche Anprobe geschieht IMMER im Stand.

 

Und es spielt auch absolut keine Rolle, ob es sich bei dem zu besattelnden Pferd um ein Frei-zeitpferd oder Sportpferd handelt. Beide funktionieren nach exakt den selben biomechan-ischen Grundlagen.

 

Nur weil das toptrainierte Reiningpferd mit der Nase im Dreck und einem extrem tiefen Hals läuft, macht es sich NICHT rund. Es läuft im besten Fall in einer selbsttragenden Haltung mit einer angehobenen Schulter, im schlimmsten Fall einfach auf der Vorhand.

 

Auch im Moment der höchstmöglichen Versammlung, die wir im Westernreiten haben, dem Sliding Stop, kippt das Pferd zwar das Becken ab um sich zu stabilisieren, aber der Rücken bleibt doch erstaunlich gerade.

 

Also streichen Sie bitte die Worte "aufgewölbter Rücken" aus Ihrem Wortschatz. Und lassen Sie sich nicht erzählen, dass Ihr Pony den Rücken in eine Hohllage hineiwölben wird.

 

Aber was passiert, wenn ein Sattel(baum) mit zu wenig Biegung (oder auch Schwung) auf dem Pferd genutzt wird?

 

Die "Aufgabe" des Sattels ist es, das Reitergewicht möglichst gleichmäßig auf den Bereich der Sattellage zu verteilen. Durch seine Hohllage kann der Sattel dieses aber nicht mehr gewähr-leisten. Es kommt zu einem vermehrten Druck im Schulter- und Lendenwirbelbereich. Je größer die Hohllage, um so mehr ändert sich das Verhältnis Kilogramm pro Quadrat-zentimeter (kg/cm2). Dieser Umstand kann dann zu muskulären Veränderungen (Artophien) oder auch entzündlichen Prozessen führen. Der Rücken wird geschädigt. Auch immer wiederkehrende Probleme im Iliosakralgelenk (ISG) können Ihre Ursache in einem hohl-liegenden Sattel haben.

Diese Sattellage ist durch eine Atrophie bereits stark geschädigt.

Hier ist gut zu erkennen, dass dieser Sattelbaum bei diesem Pferd eine

sehr deutliche Hohllage erzeugen würde. Der Auflagedruck im Bereich

der Schulter und des Lendenwirbelbereichs wäre sehr groß.

 

Diese Hohllage entsteht aber nicht nur bei falscher Biegung in der Längsachse, sondern auch wenn die Winkelung vom Sattelbaum nicht zur Rippenwölbung des Pferdes passt. In der Regel gibt es diese Problematik eigentlich nur bei sehr breiten Pferden, wenn die Bars des Sattelbaumes nicht flach genug stehen.

 

Diese Sättel sind dann natürlich im Schulter- und Lendenwirbelbereich schön frei. Aber nicht, weil sie so toll ausgesucht wurden, sondern weil sie einfach über dem Pferd liegen wie ein Krönchen. Auch dies kann bei längerer Nutzung dazu führen, dass sich die Muskulatur im Rücken zurückbildet und das Pferd den Sattel mit etwas unangenehmen verbindet.

 

Um dies zu vermeiden, versuche ich "meine" Sättel immer so auszuwählen oder anfertigen zu lassen, dass der Sattelbaum der Rückenlinie folgt. Mein Ziel ist es, eine flächige Auflage in den Bereichen zu erreichen, in denen der Pferderücken belastet werden kann. Hierbei spielt zum einen die korrekte Position des Sattels auf dem Pferd eine große Rolle (dazu kommen wir gleich noch). Aber auch die Tatsache, dass der Sattelbaum im Bereich hinter dem 18. Brust-wirbel nicht zu viel Druck verursacht und hier genügend Freistellung bietet.

 

Sollten Sie also nochmal jemanden sagen hören, dass das Pferd ja dann den "Rücken da schön reinwölben kann", bitten Sie ihn doch mal freundlich, das Pferd zu veranlassen, den 14., 15. und 16. Brustwirbel um genau 2 cm nach oben zu schieben. Aber auch nur diese, damit die genau in die Hohllage des Sattels hineinpassen. Sollte er das hinbekommen, melden Sie sich bitte bei mir, dieses Kunststück würde ich mir auch gerne ansehen.

 

Die Position des Sattels auf dem Pferd

 

Es passiert nicht selten, dass ich zu einer Passformüberprüfung gerufen werde (egal ob es ein von mir verkaufter oder ein Fremdsattel ist) und der Kunde das Gefühl hat, dass irgendwas mit dem Sattel nicht stimmt. Ich lassen den Pferdebesitzer dann das Pferd satteln (ohne Unterlage) und frage nochmal nach, ob das die übliche Position für den Sattel ist. Oftmals ist sie korrekt, aber sehr häufig sehe ich dann auch so etwas zum Beispiel:

Diese Bild war einer Verkaufsanzeige bei Facebook beigefügt. Auf dem unteren habe

ich mal die ungefähre Position von den Bartips (den Baumspitzen, = rot) und dem

Schulterblattknorpel (= blau) eingezeichnet.

Auch dieser Sattel liegt viel zu weit auf der Schulter (Sattelbaum = blau, Schulterblatt = rot)

 

Der Sattel liegt viel zu weit auf der Schulter. Hin und wieder wird auch bemängelt, dass er nach hinten rutscht. Also im Prinzip von zu weit vorne auf die richtige Position.

 

Die grundlegende Frage ist natürlich, warum macht man das?

 

Weils der Trainer macht und der muss es ja wissen? Weil der Gurt ja gerade runter laufen muss, also muss der Sattel doch dahin?

 

Hmm... der Trainer macht es vermutlich, weil er seinen Sattel auf die unterschiedlichsten Pferdetypen legen muss. Und das Problem mit dem Sattelgurt würde sich ja mit einer anderen  Gurtungsposition lösen. Das kann es also auch nicht sein.

 

Dann gibt es noch die Aussage, dass die Schulter ja unter dem Sattelbaum gleiten können muss und wenn man den Baum hinter die Schulter legt, stößt sie ja dagegen.

 

Auch dem würde ich widersprechen, denn dafür hat der Baum ja etwas, was sich "Flare" nennt. Also eine Öffnung oder Biegung der Bars zur Schulter hin. Dadurch entsteht genügend Platz, damit sich das Schulterblatt darunter bewegen kann. Man kennt den Spruch "...macht zur Schulter hin schön weit auf."

Hier ist zu erkennen, wie der Baum sich zur Schulter hin öffnet.

 

Ich glaube, der Grund liegt eher wo anders. Wenn man sich die Sättel heute so anschaut fällt auf, dass viele dieser Modelle sehr lang sind. Vor allem die Sportsättel (z. B. für Reining oder Pleasure). Längen von 72 - 75 cm sind keine Seltenheit und so einen Sattel auf ein -sagen wir mal 1,45 m "großes"- Westernpferd zu bekommen, wird dann schon schwierig. Wenn der Sattel also hinten auf der Kruppe aufliegt, wandert er einfach ein Stück nach vorne und schon funktioniert es.

 

Für mich gehört der Sattelbaum definitv NICHT auf die Schulter, sondern HINTER das Schulterblatt. Wie auf dem folgenden Bild sehr schön dargestellt.

Die gestrichelte Linie zeigt den ungefähren Verlauf des Schulterblatts. Der Baum liegt hinter der

Schulter. Man erkennt den leichten Flare im vorderen und die Freistellung im hinteren Bereich.

(Bildquelle: Feel for Horses)

 

Oder auch hier:

Dieser Sattel liegt an der korrekten Position, Sattelbaum = blau eingezeichnet,

Schulterblatt = rot

 

Wird der Baum auf der Schulter gesattel, kann dies zu Problemen in der Rittingkeit führen, auch häufiges Stolpern kann eine Auswirkung sein und langfristig kann es zu Schädigungen an den Faszien und Muskelsträngen kommen, die über die Schulter führen.

 

Und nochmal ganz klar, es geht um den Sattelbaum und nicht um das Leder. Das kann durchaus über der Schulter liegen. Da dieser Bereich dann in der Regel relativ flexibel ist, wird es das Pferd nicht weiter behindern.

Ein Beispiel für einen Showsattel/Trophysattel mit sehr viel "Vorschnitt", der Sattelbaum

beginnt aber ungefähr an der roten Linie.

 

Komischerweise gibt es diese Diskussionen im klassischen Bereich nicht. Da ist es völlig klar, dass das Kopfeisen hinter das Schulterblatt gehört. Und natürlich reden wir hier von den üblichen Freitzeit- bzw. Sportsätteln und nicht von irgendwelchen Roping- oder Cutting-Modellen.

 

Also, wenn Sie Ihren Sattel in der korrekten Position aufs Pferd legen und plötzlich das Gefühl haben, das Pferd sei kürzer geworden, dann könnte es dran liegen, dass Ihr Sattel vielleicht etwas zu lang ist...

 

Es gäbe sicherlich noch mehr Dinge, die man ansprechen könnte. Aber ich denke, mit diesen beiden Punkten oben, konnte ich schonmal zwei wichtige Sachen anreißen. Denn letzendlich bilden diese Ansichten die Grundlage für meine Arbeit und die Entscheidung für oder gegen einen Sattel. Sowie auch für die Auswahl und Anpassung eines Sattelbaums für einen neuen Sattel.

 

Sollten Sie noch weitere Fragen rund um das Thema Sattel haben, schicken Sie mir doch  einfach eine E-Mail mit Ihrer Anfrage an info@cowboy-saddle-store.de