Wann passt ein Sattel?


Die grundlegende Frage ist immer: wann passt ein Sattel?

 

Und ich möchte hier die Gelegenheit nutzen, meine Ideen zum Thema Sattelpassform zu erläutern, da diese natürlich ganz deutlich die Art und Weise beeinflussen, wie ich einen Sattel auswähle und natürlich auch, wie ich die Passform eines (Fremd-)Sattels beurteile.

 

Was ist denn überhaupt wichtig, für die korrekte Passform eines Sattels?

 

1. Der Sattelbaum:

Er bildet die Basis für den restlichen Sattel und ist die Brücke zwischen Pferd und Reiter. Hier sollten folgende Punkte beachtet werden:

  • Die Winkelung des Baumes (oder genauer der Bars) sollte immer der Winkelung des Pferderückens entsprechen. Dies gilt sowohl im Bereich der Schulter, wie auch im Bereich des Rippenbogens. Ist der Baum irgendwo steiler oder flacher gewinkelt, wird dies dem Pferd irgendwann Probleme bereiten.

Ist der Sattelbaum zu steil oder zu flach gewinkelt, so wird dies dem Pferd über kurz oder lang Probleme bereiten.

  • Die Biegung in der Längsachse (also der Rock oder Schwung des Baumes) entspricht der Rückenlinie des Pferdes. Es macht KEINEN Sinn, einen Baum auszuwählen, der weniger Biegung hat! Ein so angepasster Sattel(baum) bildet eine Hohllage und wird vermehrt Druck auf Teilbereiche der Muskulatur ausüben. Dies kann die Muskulatur schädigen und dem Pferd Schmerzen bereiten.

Bei einem Sattelbaum mit einer Hohllage entsteht punktueller Druck.

 

Und... JA... der Rücken ändert verändert sich in der Bewegung. Aber... NEIN... das Pferd "wölbt" den Rücken NICHT auf! Der Rücken wird in der Bewegung über die komplette Länge ANGEHOBEN. Die Sattellage ändert sich (bei einem gesunden Rücken) nicht in dem Maße, wie es einem oft suggeriert wird. (Dies kann ich Ihnen bei einer Sattelanprobe auch sehr gut an Hand des Topographen zeigen.)

Eine Katze WÖLBT den Rücken auf, es entsteht ein Katzenbuckel.

Hier wurde der Pferderücken am Brustbein mauell angehoben, was der Situation unterm Reiter eher entspricht, wie den Rücken "hoch zu kitzeln". Der Widerrist hebt sich, der Rücken würde Sattel und Reiter nach oben anheben. Dadurch würde der Sattel im Schulter und Lendenwirbelbereich etwas freier werden. Aber der Rücken "biegt" sich NICHT nach oben.

 

Darüber hinaus ist das Pferd auch körperlich nicht dazu in der Lage, einzelne Rückenwirbel zu separieren und genau um das Maß anzuheben, dass diese den Hohlraum ausfüllen.

 

Und auch ein "echtes" Westernpferd muss sich an die selben biomechanischen Begebenheiten halten, wie ein Haffi oder Warmblut. Nur weil die Pferde oft mit einer sehr tiefen Halshaltung geritten werden, verhält sich der Rücken nicht anders.

 

 

2. Freistellung:

 

 

 

 

 

Die Sache mit den Maßen...

 

Wenn ich mir so die Verkaufsanzeigen für gebrauchte Westernsättel gerade bei Facebook ansehe, fallen mir immer wieder Maßangaben auf, die immer gerne abgefragt werden.

 

An 1. Stelle steht immer der „Conchaabstand“. Wie groß ist denn der Conchaabstand... hat xy cm Conchaabstand... muss mindestens xyz cm Conchaabstand haben.

 

Was genau sagt dieses Maß eigentlich aus? Wie breit der Westernsattel an dieser Stelle ist. Welche Bedeutung hat das für die Passform? Im Grunde genommen GAR KEINE!

 

Zum einen, gibt es keine „Vorschrift“, wo der Hersteller die Concha hinsetzen muss. Sie wird zwar in den meisten Fällen dort platziert, wo das Ende des Baumes zu finden ist, aber es kann auch anders sein.

 

Zum anderen kann trotz des gleichen Conchaabstandes die Winkelung des Baumes völlig unterschiedlich sein. Ich kann also einen sehr steil gewinkelten und einen sehr flach gewinkelten Baum haben, der trotzdem den gleichen Conchaabstand hat. 

 

2. Schulter- und Lendenwirbelfreiheit.

 

 

 

 

 

 

 

Diese Foto stellt das Ganze sehr anschulich dar. Gleicher Conchaabstand, völlig andere Wineklung.

 

 

Dann wird immer nach dem Schwung gefragt. Hat der viel Schwung oder wenig...

Wer legt das fest? Wann hat ein Sattel viel Schwung und wann nicht und wo ist das Maß dafür?

 

Zu guter Letzt die Sattellänge. Es gibt immer wieder Diskussionen über die Sattellänge. Der darf aber nicht länger wie xx cm sein. Der ist aber viel zu lang... Wie lege ich denn fest, ob ein Sattel zu lang ist oder nicht?

 

Versuchen wir doch mal aufzuschlüsseln, welche Komponenten stimmen müssen, damit ein Sattel passt.

 

  1. Im Schulterbereich:

    Hier ist zum einen die Winkelung des Baumes zur Pferdeschulter wichtig. Der Baum sollte nach Möglichkeit parallel zur Schulter laufen und nicht flacher oder steiler gewinkelt sein. Dann kommt noch die Freistellung hinzu (auch als Schulterfreiheit bezeichnet). Hier kommt es auf das richtige Maß an. Zuviel Schulterfreiheit heißt, der Sattel ist zu breit und kippt auf die Schulter. Zu wenig Schulterfreiheit bedeutet, er ist zu eng und übt Druck auf die Schulter/das Schulterblatt aus und hindert das Pferd an einer freien Bewegung. Wie viel Schulterfreiheit der Sattel haben muss, liegt ein wenig in der Philosophie des Besattelnden. Tendenziell ist es aber besser, es ist minimal zu viel, wie zu wenig. Dieser Bereich kann grob mit den Fingern (Achtung, FINGER bis zum Knöchel, nicht die ganze Hand) ertastet werden.

     

  2. Widerristfreiheit:

    Hier wird gerne von den berühmten „3 Finger Platz“ nach oben gesprochen. Schade nur, dass es noch keinen deutschen Normfinger gibt und jeder anders ist. Es gilt, der Sattel sollte keinen Druck auf den Widerrist ausüben, auch nicht unter Reitergewicht. Ob es nun 2, 3 oder 4 Fingen sind, sei mal dahingestellt.

     

  3. Rippenbogen:

    Jetzt kommen wir zu dem Punkt, wo es bei gebrauchten Sätteln enorm schwierig wird, diesen Bereich zu beurteilen. Wir befinden uns unterhalb der Sitzfläche und es geht um die Winkelung des Baumes im Verhältnis zu den Rippenbögen des Pferdes. Ist der Baum zu flach, geht Auflagefläche verloren und es entsteht Druck in der Nähe der Dornfortsätze. Ist er zu steil gewinkelt, liegt er nur auf den Rippen auf und kann dort sehr unangenehm für das Pferd sein. Das Problem ist, diesen Bereich kann NIEMAND erfühlen oder einsehen. Deswegen ist eine Beurteilung in diesem Bereich extrem schwer.

     

  4. Lendenwirbelbereich:

    Wie ist die Freistellung im Bereich am hinteren Ende des Sattels. Liegt er flach auf oder steht er unnötig ab? Läuft er vom Pferderücken weg oder „in den Rücken hinein“? Auch hier kann mit Hilfe der Fingerprobe getestet werden.

     

  5. Biegung in der Längsachse:

    Der „Schwung“. Habe ich zu viel oder zu wenig Biegung in der Längsachse. Bei zu viel Biegung würde der Sattel eher mittig Druck ausüben und auf dem Pferd auch unter Umständen ein wenig Schaukeln. Bei zu wenig Biegung habe ich eine sogenannte Brückenbildung, das heißt, er liegt vorne und hinten auf, in der Mitte eine Hohllage. Auch hier ist es so, dass der Sattel bzw. der Baum eine möglichst gleichmäßig Auflage haben sollte.

     

  6. Sattellänge:

    Eines der größten Diskussionspunkte beim Sattel. Der Baum sollte nicht über den 18. Brustwirbel des Pferd hinaus gehen. Aber, wir reden hier vom BAUM! Nicht von den Skirts des Sattels. Wenn der Baum die richtige Länge, Winkelung und Freistellung hat, ist es ziemlich unerheblich, ob dahinten noch „ein Meter“ Leder kommt oder nicht. Hier ist der Baum ausschlaggebend. (Natürlich müssen die Skirts entsprechend geformt sein, damit sie das Pferd in seiner Bewegung nicht behindern und von der Länge so bemessen, dass sie in der Biegung nicht gegen den Hüfthöcker stoßen.)

 

All diese Sachen, sind wichtig, um die Passform eines Sattels zu beurteilen. Wie oft ist hier der Begriff Conchabstand als zuverlässiges Sattelmaß aufgetaucht? Richtig – gar nicht. Leider hilft es auch nicht, dass ein Sattel schon mal auf einem Haffi, Warmblut, Quarter oder was auch immer gelegen hat, denn auch die sind leider alle selbst innerhalb der Rassen völlig unterschiedlich.

 

Was ist also zu tun?

 

  1. Es sollten keine Sättel ohne eine professionelle Anprobe im Internet gekauft werden. Das kann fast nur in die Hose gehen. Außer man weiß genau welchen Sattel mit welchem Baum man sucht und ist sich auch sicher, dass dieser Baum in dem entsprechenden Sattel verbaut ist. 

     

  2. Erfahrung ist gut, Kontrollmöglichkeit ist besser. Immer mehr Sattler und Händler-kollegen arbeiten heute mit Systemen, mit denen der Pferderücken vermessen werden kann oder mit denen eine Druckanalyse möglich ist. Egal, welches System genutzt wird, es ist immer besser, wie nur zu gucken und zu fühlen. Aus diesem Grund arbeite ich zum Beisiel mit dem Mess-System von EQUIscan.

 

Bei einem Neusattel, sieht die ganze Geschichte natürlich etwas anders aus, da es hier die Möglichkeit gibt, den nackten Baum auf das Pferd aufzulegen und die Passform so zu kontrollieren.